Heute geht es fĂŒr uns auf den ersten mehrtĂ€gigen Trip auf Spitzbergen – eine Isfjord-Umrundung. Wir starten in Trygghamna und die Reise endet in Pyramiden. Ein Motorsegler begleitet uns unterwegs, und an Stellen, an denen ein Weiterkommen zu Fuß nicht möglich ist, wird er uns ĂŒbersetzen. Schwere AusrĂŒstung wie Zelte und Lebensmittel werden ebenfalls mit dem Boot transportiert, jeder Wanderer muss also nur seinen Tagesrucksack tragen. Was nicht heißt, dass dieser leicht ist – Gummistiefel, Regenschutz und Steigeisen mĂŒssen immer dabei sein. Denn wirklich exakt kann man die Gegebenheiten nie vorhersagen.
Trygghamna ist zum Greifen nah Ein paar Tage schönes Wetter, also Sonnenschein und nur leichten Wind, können aus einer völlig durchnĂ€ssten Tundra eine leicht zu ĂŒberquerende Wiese machen. Regnet es ein paar Stunden, bleibt man in sonst leicht zu durchquerenden Gegenden unter UmstĂ€nden bis zu HĂŒfte im Schlamm stecken.

FrĂŒh am Morgen geht es los: Ein Motorsegler bringt uns nach Trygghamna, wo wir den Rest der Gruppe treffen sollen, bevor wir gemeinsam aufbrechen. Die Überfahrt ĂŒber den Fjord dauert mehrere Stunden, bietet aber neben der gemĂŒtlichen AtmosphĂ€re an Bord einen unglaublich faszinierenden Ausblick auf den Fjord, die Gletscher und die Berge. Immer wieder begleiten Eissturmvögel den Motorsegler fĂŒr eine Weile, nur wenige Zentimeter ĂŒber der WasseroberflĂ€che gleitend und halsbrecherische Flugmanöver absolvierend.

In der Bucht Trygghamna angekommen, gestaltet sich das Finden der Gruppe schwerer als gedacht. Mit Geduld, Fernglas und der Hilfe einer Hand voll russischer Wissenschaftler, denen wir zufĂ€llig begegnen, entdecken wir unsere zukĂŒnftigen ReisegefĂ€hrten schließlich am östlichen Ufer der Bucht. Als sie uns bemerken, beginnen sie eilig mit dem Abbau des Lagers, so dass wir direkt nach unserer Ankunft mit dem Verladen auf den Motorsegler beginnen können – mit einem kleinen Schlauchboot mit Außenbordmotor.
Eine Robbe! WĂ€hrend wir die Zelte und die mit Lebensmitteln gefĂŒllten FĂ€sser verladen, werden wir von einer Robbe beobachtet. Nur Augen und Nase ragen ĂŒber die WasseroberflĂ€che, neugierig beĂ€ugt sie uns. Als die Ersten von uns endlich ihre Fotoapparate aus den Taschen und RucksĂ€cken gekramt haben, taucht sie wenige Sekunden spĂ€ter ab. Leider bekommen wir sie kein zweites Mal vor die Linse.

Das Marschprogramm fĂŒr heute: Zu Fuß die KĂŒste umrunden und den Motorsegler auf der anderen Seite der Landzunge wiedertreffen, um dann am Nordufer des Gletschers Esmarkbreen unser Nachtlager aufzuschlagen. FĂŒr unseren Schutz und die Planung der richtigen Route ist auf dieser Tour Nicola verantwortlich, eine Meeresbiologin aus Bayern, die bereits seit ĂŒber 15 Jahren als Guide auf Spitzbergen arbeitet. Bereits nach wenigen hundert Metern macht sie uns auf eine Stelle aufmerksam, an der wir ohne sie vermutlich vorbeigelaufen wĂ€ren. Auf einer unscheinbaren Anhöhe wĂ€chst Moos um einige Steine herum, und erst als wir nĂ€her kommen, bemerken wir, dass es sich nicht um Steine, sondern um Knochen handelt. Nicola erklĂ€rt uns, dass wir an einem Walross-Friedhof stehen, einem Ort, der unter Denkmalschutz steht. Sie erzĂ€hlt, dass, nachdem WalfĂ€nger die WalbestĂ€nde rund um Spitzbergen innerhalb kĂŒrzester Zeit so weit dezimiert hatten, dass sich die Jagd auf die MeeressĂ€uger nicht mehr lohnte, kurzerhand die Jagd auf Walrosse verstĂ€rkt wurde. Und hier, wo wir gerade stehen, wurden die erlegten Walrosse an Land gebracht und verarbeitet: Haut, StoßzĂ€hne und Tran waren besonders wertvoll. Auffallend ist der starke Moosbewuchs rund um die Walross-Knochen. Die Pflanzen wachsen hier so gut, weil der Boden buchstĂ€blich mit dem Walross-Überresten getrĂ€nkt wurde. Und obwohl das alles schon ĂŒber 400 Jahre her ist, kann sich die Vegetation noch lange an den NĂ€hrstoffen erfreuen. Viele der Knochen sind noch ĂŒberraschend gut erhalten.

Der Strand Entlang der KĂŒste ist der Weg steinig, aber leicht zu meistern. Erst als wir fast das Ende der Landzunge erreicht haben, mĂŒssen wir ein wenig klettern. An der KĂŒste vor uns sind nur noch steile Klippen zu sehen, fĂŒr eine Überquerung völlig ungeeignet – weiter oben sieht das GelĂ€nde jedoch besser aus.
Oben angelangt, finden wir uns nahe einer kleinen Gruppe Rentiere wieder, die friedlich grast. Sie sind neugierig und nĂ€hern sich uns auf etwa 50 Meter, fĂŒr die Fotografen der Gruppe ist es der Ausgleich fĂŒr das verpasste Robbenfoto. Wir gehen weiter bis zum Ende der Landzunge, bis nach Selmaneset. Die Felsformationen dort erinnern stark an eine von Menschenhand gebaute Festung. Das bizarr von Kontinentalplatten-Bewegungen aufgeschobene Gestein zieht sich quer unter dem Fjord hindurch bis an dessen SĂŒdufer: Festningen, zu Deutsch „Festung“. Bei gutem Wetter und mit einem Fernglas könnte man es auch von hier aus sehen – aber nicht mit der gerade ĂŒber den Fjord ziehenden Nebelbank. Im Osten erblicken wir eine nahe Felsinsel, wo jeden Sommer Tausende Vögel nisten. Auch jetzt tummeln sich hier Eissturmvögel und Eismöwen in großer Zahl und kreisen ĂŒber der Insel.

Wir machen uns auf zum Strand, wo wir von dem Motorsegler eingesammelt werden sollen. An einem Strandabschnitt stehen große Zelte, gesichert mit einer BĂ€renwarnanlage, die wir schon von weitem erkennen können. Einige hundert Meter entfernt findet die Gruppe Überreste eines alten Ruderboots. Daneben ein Walross-Stoßzahn. SchnappschĂŒsse sind natĂŒrlich erlaubt. Anfassen, bewegen oder gar mitnehmen darf man beides nicht – die Objekte stehen unter Denkmalschutz.

Über eine HĂŒgelkuppe kommt uns eine vierköpfige Gruppe entgegen. Eine kurze Unterhaltung klĂ€rt auf: Die vier sind Geologen aus St. Petersburg, sammeln Steinproben und wohnen in den Zelten, die wir kurz vorher gesehen haben.

Unser Motorsegler nah am Ufer Etwas weiter nördlich finden wir einen weiteren Zugang zum Strand. Die Stelle ist optimal, um vom Schlauchboot aufgesammelt zu werden. Da damit aber immer nur drei Personen zum Motorsegler transportiert werden können, dauert der gesamte Transfer etwa eine halbe Stunde. Als Guide bleibt Nicola natĂŒrlich bis zuletzt am Strand, schließlich könnte uns auch hier jederzeit ein EisbĂ€r begegnen. Nach einer kurzen Überfahrt bauen wir die Zelte und die EisbĂ€renwarnanlage in der NĂ€he des Gletschers Esmarkbreen auf. Nach dem Abendessen kriechen wir in unsere SchlafsĂ€cke, ein langer Tag geht zu Ende.

Tag 1
ZurĂŒckgelegte Entfernung: 8,2 Kilometer
Benötigte Zeit: 4 Stunden

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