In Revneset hat's eine steile Küste. Von wegen „Rauf auf den Forkastningsfjellet“ – das wird nichts, so tief wie die Wolken schon wieder hängen. Rauf kämen wir sicher, aber was würde uns oben erwarten? 250 % Luftfeuchtigkeit (mindestens!) und 30 Meter Sicht – prima, das schenken wir uns.
Stattdessen widmen wir uns dem breiten und langen Küstenstreifen, statten Revneset einen Besuch ab und gehen ein Stück das Hanaskogdalen hinauf. Mit wenigen Ausnahmen, wie zum Beispiel bei Vindodden, stehen die kleinen Zwei-Zimmer-Verschläge der Norweger recht abgelegen und nur vereinzelt in den Tälern. Hier, an der Mündung des Hanaskogelva-Flusslaufs in den Adventfjord, stehen hingegen wahre Prachtbauten in Sichtnähe zueinander. Teils sogar mehrgeschossig und mit einladenden Veranden warten sie direkt an der Küste gelegen auf erholungsuchende Wochenend- und Ferienbesucher.
Da gerade weder Wochenend- noch Ferienzeit ist, stehen die Häuser leer und wir können den einen oder anderen indiskreten Blick durch die Fenster wagen – imposant! Nur die Tatsache, dass man aus den Wohnzimmern und von den Holzterrassen einen unverbaubaren Blick auf die alles andere als auf optischen Hochgenuss getrimmte Industriestadt-Kulisse von Longyearbyen hat, dämpft den Neid ein klitzekleines bisschen.

Wunderbares Wetter, hier in Moskushamna Langsam gehen die Tage zuneige, wir müssen uns wohl oder übel mit dem Gedanken befassen, schon sehr bald wieder zurück in der Stadt und auf dem Campingplatz zu sein. Daran, dass damit auch unser Aufenthalt auf Spitzbergen sein Ende finden wird, wollen wir gar nicht denken. Zur allgemeinen Freude gibt das Wetter sich aber endlich wieder Mühe uns bei Laune zu halten. Strahlend blauer Himmel und wärmende Sonnenstrahlen versüßen uns den Weg nach Moskushamn.

Die verlassene Bergbau-Siedlung ist einer der wenigen Orte, an denen aktiv gegen den Verfall der Relikte aus der Vergangenheit gearbeitet wird. Einige Gebäude am Stolleneingang wurden wieder aufgebaut und die Hütten und Anlagen der Siedlung in Schuss gehalten. Kein Wunder also, dass sich hier, nur gut drei Kilometer Luftlinie von Longyearbyen entfernt, massenhaft Tages-Touristen tummeln. Mit einem Kajak oder einem kleinen Motorboot kann man den Fjord im Nu überqueren, sich durch die Siedlung führen lassen und abends wieder im gemütlichen Quartier sein.
Mit unserem großen Marschgepäck erwecken wir schnell Aufmerksamkeit. Zwei Frauen, die die Siedlungsgegend vermessen und fotografieren, können gar nicht glauben wie lange wir schon unterwegs sind – und dass wir tatsächlich zu Fuß und ohne Boot hergekommen sind. Als sie erfahren, dass wir auf dem Weg zurück in die Stadt sind, haben sie einen grandiosen Einfall: Sie selbst sind gerade erst mit einem gecharterten Motorboot angekommen, das gleich zurück in den Hafen fährt und sie am Abend wieder abholt. Bei ihrem Rücktransport wird an Bord kein Platz für uns sein, aber wenn der Kapitän in ein paar Minuten ablegt, fährt er alleine…

Wir haben alles Erdenkliche getan, um so lange wie möglich die reine Natur zu genießen. Schon der Anblick einer Wochenendhütte, ganz zu schweigen von Flughafen, Campingplatz und Longyearbyen, hat uns ein schwermütiges Seufzen entgleiten lassen. Trotzdem grinsen wir reflexartig von Ohr zu Ohr als uns klar wird, welches Angebot uns da gerade gemacht wird – und welche Folgen das hätte: Heiße Duschen. Frische Lebensmittel. Saubere Klamotten.
Auch wenn unser Ausflug damit deutlich früher zu Ende ist als geplant, unsere Reaktion ist eindeutig genug. Außerdem haben wir die schönsten Momente der Tour definitiv schon hinter uns. Vor uns lägen ein paar Kilometer zurück ins Adventdalen und dort eine größere Flussquerung, soweit noch ganz reizvoll. Aber von dort ginge es geschätzt 15 Kilometer auf der geschotterten bzw. asphaltierten Hauptstraße zurück zum Zeltplatz. Mit der Quasi-Sicherheit, dass uns dank der riesigen Rucksäcke auch niemand als Anhalter mitnimmt. Eine trostlose Aussicht. Wir nehmen also an.
Knud bootet den Guide ein Die Frauen besprechen sich kurz mit Knud, dem Motorboot-Kapitän, und kommen zu uns zurück. „Alles ok, er nimmt euch mit. Schaut euch ruhig noch etwas um, er fährt nicht sofort und ruft euch dann.“ Was das zu bedeuten hat, wissen wir ja.
Erwartungsgemäß fällt unsere großzügig geplante Pause in Moskushamn mit einem ausführlichen Rundgang durch die Siedlung bedeutend kürzer aus. Gerade haben wir die ersten drei Schuppen erkundet, sehen wir am Strand jemanden winken. Ist das Knud? Es ist Knud. Schnell noch ein Abschiedsfoto geschossen und zurück zu den Rucksäcken.

Knud ist ein Teufelskerl! Er hat sich vor ein paar Tagen im Badezimmer eine Rippe gebrochen (wie genau er das geschafft hat, will er aber nicht verraten) – und dennoch rudert er in einem Affenzahn zweimal das kleine Schlauchboot vom Strand zum Motorboot und zurück, um uns an Bord zu bringen. Dafür holen wir für ihn den Anker ein, das ist wohl das Mindeste was wir tun können.

Keine 20 Minuten später stehen wir mit einem lachenden und einem weinenden Auge im Hafen von Longyearbyen, bedanken uns abermals bei Knud („Keine Ursache, so regeln wir das hier oben.” Ja, das tun sie wirklich.) und verabschieden uns von seinem Bootshund Mike.
Ein letztes Mal hieven wir die Rucksäcke auf unsere Rücken und machen uns auf den Weg. Die letzten Kilometer eines fantastischen Abenteuers.

Den Zeltplatz haben wir mehr oder weniger komplett für uns alleine, kaum jemand hält es hier bis so spät in die Saison aus. Aber es ist nicht so, als ob uns das übermäßig stören würde. Es hat immerhin einen riesigen Vorteil: Wir können nach Herzenslust duschen, schlemmen und waschen.
Mit einem delikaten Mahl wollen wir unsere Trekking-Tour ausklingen lassen, essen ohne Campingkocher und Teller-auf-den-Beinen-Balancieren. Perfekt dafür geeignet ist das urige Restaurant Kroa in Longyearbyen, denn hier gibt es neben Pizza und Burger auch nordische Kost. Robbe und Rentier sind leider aus, dafür lassen wir uns Seeteufel-Carpaccio, geräucherten Zwergwal, Stockfisch und Lachs schmecken. Glücklich und zufrieden sinken wir in die Stühle und lassen die vergangenen Tage noch einmal Revue passieren.

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Ein Kommentar zu “Diabas, Teil 7: Als wir Knud trafen”

  1. Onno sagt:

    Ganz, ganz vielen Dank fürs Mitnehmen!