Willkommen in Pyramiden - obwohl es eigentlich ein Denkmal zur Evakuierung der Siedlung ist Privet!
Am Abend der Ankunft hat sich die Neugierde auf die verlassene russische Siedlung Pyramiden beim Großteil der Gruppe doch sehr in Grenzen gehalten – nach den 27 Kilometern von Lyckholmdalen bis hierher kein allzu großes Wunder.

Umso grĂ¶ĂŸer ist die Freude am Morgen danach, als unser Guide Nicola uns mit den Worten „Ein Guide fĂŒhrt uns durch die Siedlung – wenn ihr schnell aufsteht, könnt ihr mitkommen!“ und einem Augenzwinkern aus den Kojen scheucht.

Am Steg wartet Mischa bereits auf uns. Der junge Russe lebt seit Juni in Pyramiden und fĂŒhrt als Guide interessierte Besucher durch die Straßen, erzĂ€hlt spannende Details aus der Vergangenheit der Bergbau-Siedlung und schließt uns einige der leerstehenden HĂ€user auf.

Eine gespenstische Stille liegt ĂŒber der Siedlung. Doch das war nicht immer so: In Spitzenzeiten wohnten mehr als 1000 Menschen in Pyramiden, zwischen „London“, dem HĂ€userblock fĂŒr die MĂ€nner, und „Paris“, dem Block fĂŒr die Frauen, herrschte reges Treiben. Rund um das „Crazy House“ sowieso, denn dort lebten Familien mit Kindern und im nĂ€heren Umkreis bekam kein Arbeiter ein Auge zu.
Die heutigen Bewohner Pyramidens kann man an zwei HĂ€nden abzĂ€hlen: Als Mischa hierher kam, waren außer ihm nur drei andere Menschen in der Siedlung – das schweißt zusammen. Im Moment sind noch sechs Arbeiter hier, mehr werden es wohl auch nicht werden.

1998 wurde der Abbau von Kohle eingestellt, Pyramiden evakuiert und (fast) alle Bewohner in ihre HeimatlĂ€nder zurĂŒck gebracht. Seitdem steht die Siedlung bis auf wenige HĂ€user leer. Ein Ă€lteres Paar kĂŒmmert sich bis heute noch um das Hotel mit Bar, Souveniershop und Museum, die restlichen Bewohner sind immer wieder wechselnde Guides und Arbeiter. Ab und an quartieren sich auch mal Forscher fĂŒr lĂ€ngere Zeit hier ein, das ist jedoch die Ausnahme.
FĂŒr die Zukunft soll geplant sein, die Siedlung wieder aufblĂŒhen zu lassen. Die Arbeiter setzen aktuell die Wasser- und Kommunikationsleitungen wieder in Stand, Hafen und Straßen werden gepflegt, HĂ€user vor weiterer Zerstörung geschĂŒtzt und gesĂ€ubert. In einer alten Halle wird Kohle fĂŒr Heißwasserboiler gelagert, die Stromversorgung soll ein Dieselgenerator ĂŒbernehmen, der auch heute schon friedlich surrend abseits des Wohnviertels steht.

Mischa nimmt uns mit auf eine Reise in eine andere Zeit: Es ist zwar erst zwölf Jahre her, dass die letzten „Kumpel“ in der Kantine gegessen haben, die letzten Kinder ĂŒber den Spielplatz getobt sind und im Kino der letzte Film gezeigt wurde – aber dennoch erwecken die GebĂ€ude teilweise den Eindruck, man brauche nur einmal feucht durchwischen, die Bilder gerade rĂŒcken und es könne weitergehen als sei nichts geschehen.

Die FĂŒhrung endet im Pyramiden-Museum – oder dem, was man in Pyramiden unter einem Museum versteht. Der Eintritt kostet nichts, was auch ganz gut so ist. Die Anzahl der Exponate ist gering, die QualitĂ€t bescheiden. Letzteres haben allerdings nicht zuletzt zerstörungswĂŒtige „GĂ€ste“ zu verantworten und Geld fĂŒr eine Restaurierung gibt es nicht.

Jetzt heißt es erstmal „EindrĂŒcke sacken lassen“. FĂŒr uns BootsschlĂ€fer gibt es ein erstes, fĂŒr den Rest der Truppe ein zweites FrĂŒhstĂŒck. Kraft tanken fĂŒr den Aufstieg auf den Berg, dem die Siedlung ihren Namen verdankt: Pyramiden.
Dabei wird klar, welch eine enge Bindung man nach sieben Tagen Wandern mit dem Land eingeht: Als das Ausflugsschiff LongĂžysund im Hafen anlegt und Menschenmassen von Bord an uns vorbei in die Stadt strömen, wird spöttisch ĂŒber die „Touristen“ gefeixt. Wir, als inzwischen (mindestens!) halbe Spitzbergener, dĂŒrfen das!

Rund einen Kilometer ragt der Gipfel ĂŒber den Meeresspiegel hinaus, fĂŒr einen Aufstieg kann man vier, fĂŒr den Abstieg zwei Stunden einplanen. So viel Zeit haben wir leider nicht mehr, denn eine lĂ€ngere Überfahrt zum nĂ€chsten Camp liegt auch noch vor uns.
So kommen wir nur auf eine Höhe von etwa 400 Metern, legen eine kurze Rast im Windschutz abgerutschten Gerölls ein und genießen die Aussicht auf den Gletscher Horbyebreen und die davor liegende Bucht Petuniabukta.

Wie ein FĂ€hnlein im Wind ... Wieder im Hafen angekommen, werden wir schon vom KapitĂ€n erwartet. Zuversichtlich, was die folgenden Stunden und unsere Vorstellung eines Camps angeht, sieht er nicht gerade aus. Und das hat seinen Grund: Den Plan fĂŒr die folgende Überfahrt können wir im wahrsten Sinne des Wortes in den Wind schreiben. Am anvisierten Zeltplatz ist Anlanden dank Wellengang unmöglich.
Kurze Krisensitzung unter Deck, es geht direkt weiter zur nĂ€chsten Etappe. Aus geplanten zwei Stunden werden sechs, Zeit genug zum Durchatmen, eine Kleinigkeit aus der BordkĂŒche zu essen und die vergangenen Tage in aller Ruhe Revue passieren zu lassen – solange der Magen nicht sein Missfallen ĂŒber die aufbrausende See zum Ausdruck bringt.

Als kleines Bonbon und Ausgleich fĂŒr den entfallenen Landgang hat KapitĂ€n Christopher etwas ganz Besonderes auf Lager. Er geht vom Gas und biegt am Kapp Fleur de Lys nach Steuerbord ab. Die kleine Bucht ist fĂŒr ihre Schönheit und die vielen dort nistenden Vögel bekannt. Direkt am Ufer entdecken wir eine alte Mine, noch komplett mit HĂŒtte, kurzer Verlade-Strecke und einem am Strand liegenden Schiff. Schade, dass wir keine Zeit fĂŒr einen Landgang haben. Hier gibt es sicher einiges zu entdecken!

Langsam geht der achte Tag zu Ende. Und fĂŒr uns endet diese Reise. Morgens um vier setzen wir mit dem Schlauchboot ein letztes Mal ĂŒber, dieses Mal direkt an den Campingplatz. Unser Zelt steht schon (bzw. noch). Die Dusche erwartet uns. Was fĂŒr ein Luxus!

Die Isfjord-Umrundung hat uns Orte gezeigt, an die wir sonst sicherlich nie gekommen wÀren. Wir sind beeindruckt. Beeindruckt und geschafft. Uns hat die Tour wieder ein wenig geerdet. Uns gezeigt, dass man auch die kleinen Dinge zu schÀtzen wissen sollte.
Spitzbergens Natur ist so vielseitig, hat so viel zu bieten: Gletscher und Tundra, Geröll und MorÀnen. Hohe Gipfel und weite Ebenen. Möwen und Rentiere, Papageientaucher und Robben.

Wer sich die Zeit nimmt, das Land zu entdecken, wird sicher nicht enttÀuscht!

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3 Kommentare zu “Pyramiden: Ein Tag im Russland des letzten Jahrtausends”

  1. Michael sagt:

    Na, dann ist ja alles in Odnung. Nach dem letzten Eintrag befĂŒrchtete ich nĂ€mlich, das sei jetzt schon euer Ausflug nach Pyramiden gewesen. Da hatte ich gerade Geisterstadt im Eis gelesen und dachte so bei mir: „Ein riesiger realsozialistischer Lost Place und der arme Bastian darf nur von außen gucken…“ 😉

    Gruß,
    Michael

  2. Michael sagt:

    Urks… da habe ich offenbar den Link vermurkst. Sorry.

    Gruß,
    Michael

  3. Bastian sagt:

    Habe den Link mal repariert.

    Ich habe zwar nicht alles angucken können – aber einen guten Einblick gewonnen und ein paar Stellen abseits der Touri-Pfade erkundet. Spannend! Da kann man einige Tage verbringen 😉

    GrĂŒĂŸe
    Bastian