Wir starten folgendes Experiment:
Was passiert, wenn ein klitzekleiner Motorsegler von starkem Wind erfasst wird?

Zutaten:

  • 15 Meter Motorsegler, Ă€lteres Baujahr
  • 4-5 WindstĂ€rken
  • 8 Passagiere
  • 1 KapitĂ€n, mutig

Versuchsaufbau und -ablauf:
Geplant ist eine kurze Schiffsfahrt von unserem Lagerplatz auf Coraholmen nach Lyckholmdalen, anschließend steht eine Bergwanderung auf dem Programm. Bislang hatten wir immer GlĂŒck mit dem Wetter – aber schon oft haben wir vom unberechenbaren Wetter auf Spitzbergen gehört.

Zu Anfang der Fahrt ist die See noch verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig ruhig, wir sitzen gut verpackt auf dem Deck, halten unseren Nasen in den Wind und genießen die traumhafte Aussicht mal ganz ohne krĂ€ftezehrendes Wandern. Lange hĂ€lt die Ruhe jedoch nicht an: Mit jeder Minute wird der Wind stĂ€rker, die See unruhiger, die Gischt bedrohlicher. Und die Passagiere nervöser.

Wir zwei genießen die Abwechslung und stellen uns an den Bug des Seglers. Dort werden wir zwar klitschnass, aber der Blick vom vordersten Bugende hinab auf die tosende See ist atemberaubend. Immer hĂ€ufiger „stĂŒrzt“ der Bug mehrere Meter tief – von einer Welle in die nĂ€chste. Nur Augenblicke spĂ€ter taucht der Bug sogar ins Wasser ein, das Deck wird ĂŒberspĂŒlt.
Als das nicht nur alle paar Wellen, sondern bei jeder Welle passiert, treten auch wir den RĂŒckzug an – ab ins schĂŒtzende Heck, wo wir dem Rest der Gruppe Gesellschaft leisten.

Alle sitzen zusammen im offenen Cockpit des Seglers und klammern sich an das, was sie zu greifen kriegen: Haltegriffe, Seile, Masten. Tabletten gegen Seekrankheit werden herumgereicht.
Einige versuchen zu schlafen, andere sind damit beschĂ€ftigt, das FrĂŒhstĂŒck bei sich zu behalten. Das wird nicht allen gelingen, denn die Windgeschwindigkeit nimmt weiter zu und als wir Kapp WĂŠrn umfahren, verliert die See alle Hemmungen. Der Segler taucht mit absoluter ZuverlĂ€ssigkeit bei jeder Welle unter die WasseroberflĂ€che, mal auf Backbord, mal auf Steuerbord und mal am Bug. Die Richtung, aus der die Wellen kommen, Ă€ndert sich alle paar Minuten. Manchmal scheint es, als kĂ€men sie aus mehreren Richtungen gleichzeitig. Ein irres GefĂŒhl, das sich am ehesten mit einer Mischung aus Achterbahn und Wellenbad vergleichen lĂ€sst – nur, dass man nicht weiß, wann es vorbei ist.

Unser Lager FĂŒnf Stunden spĂ€ter erreichen wir Lyckholmdalen am Dicksonfjord. Endlich wieder festen Boden unter den FĂŒĂŸen!
Die Sonne lĂ€sst sich erst wieder blicken, als wir das letzte Zelt aufgebaut haben und mit dem Kochen des Abendessens beginnen wollen. Dummerweise fĂ€llt uns aber erst jetzt auf, dass wir den Trinkwasserkanister an Bord des Schiffes vergessen haben. Nach dem Abenteuer des heutigen Tages kann uns nichts mehr schocken, also begeben wir uns trotz der durchlebten Strapazen auf die Suche nach sauberem Wasser. Da die kleinen BĂ€che in unmittelbarer Umgebung des Camps ausnahmslos von den GĂ€nsen als Toilette genutzt wurden, bleibt uns nichts anderes ĂŒbrig, als gemeinsam Wasser in den Bergen zu holen.

Ein Sack voll Wasser in einem Sack. FĂŒr den Transport zweckentfremden wir einen wasserdichten Transportbeutel, den wir in einen der WanderrucksĂ€cke packen. Etwa eine halbe Stunde von den Zelten entfernt finden wir einen Gebirgsbach, der uns sauber genug erscheint. Wir fĂŒllen den Beutel und verstauen ihn im Rucksack.
Es hĂ€tte nicht zum Tag gepasst, wenn der RĂŒckweg reibungslos vonstatten gegangen wĂ€re. Und so beobachten wir mit wachsender Skepsis die aus dem Rucksack sickernden Tropfen. Ganz so dicht ist der Transportsack wohl doch nicht. Egal, nass ist der Rucksack jetzt eh und der Beutel groß genug. Ein paar Liter werden wir wohl bis ins Lager retten können 


ZurĂŒck im Nachtlager fĂŒllen wir das Wasser schnell in alles um, was definitiv dicht hĂ€lt – schließlich wollen wir fĂŒr den FrĂŒhstĂŒckstee nicht nochmal Wasser holen.
Nach dem Abendessen schlĂŒpfen alle in ihre SchlafsĂ€cke und trĂ€umen vom Wellengang des endenden Tages.

Tag 6
ZurĂŒckgelegte Entfernung: 27 Kilometer
Benötigte Zeit: 6 Stunden

Die Bildausbeute hĂ€lt sich fĂŒr diesen Tag, dem Wetter sei Dank, in Grenzen …

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